Newsletter Transferkompakt Juli 2017
Thema: Kommunale Grundbildung - warum und wie.

In Niedersachsen gibt es laut der leo. - Level-One Studie der Universität Hamburg (2011) ca. 750.000 Personen, die große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Dies stellt auch Kommunen vor Herausforderungen: Unterlagen werden nicht eingereicht, Termine nicht eingehalten. Langfristig können eine höhere Arbeitslosenquote und Fachkräftemangel die Folge sein. Durch die ankommenden Flüchtlinge wird das Phänomen noch verstärkt. In diesem Kontext ist es für Kommunen hilfreich, sich mit dem Thema „Funktionaler Analphabetismus“ auseinanderzusetzen. Aufgrund der erschreckenden Zahlen haben Bundesregierung und Länder im November 2016 die Nationale Dekade der Alphabetisierung und Grundbildung ausgerufen.

Funktionaler Analphabetismus – wer ist betroffen?

Im Gegensatz zum totalen Analphabetismus können funktionale Analphabeten durchaus einige Buchstaben, Worte oder auch Sätze lesen und schreiben. Sie scheitern aber an der Textebene. Sie können also weniger, als in unserer Gesellschaft als selbstverständlich vorausgesetzt wird und notwendig ist, um die gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen. In Deutschland sind davon ca. 14,5 Prozent der Menschen betroffen, die im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 18 und 64 Jahre alt, sind. Ein weiteres Viertel der Erwachsenen beherrscht die Rechtschreibung nur mangelhaft. Während viele glauben, dass nur Menschen mit Migrationshintergrund davon betroffen sind, sieht die Realität anders aus: Über die Hälfte der funktionalen Analphabeten spricht Deutsch als Muttersprache.

Was ist Grundbildung?

Der Mangel an schriftsprachlichen Kenntnissen wirkt sich auch weitergehend aus. Denn Schrift ist in unserer Kultur unmittelbar mit dem Zugang zu Wissen verknüpft. Neben den alltäglichen Schwierigkeiten fehlen funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten oft auch Grundkenntnisse in anderen gesellschaftlich relevanten Themenbereichen. Daher beinhaltet Grundbildung auch mehr als nur das Erlernen der Schriftsprache. Es bezeichnet die Grunddimensionen der Kompetenzen, die für eine gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe nötig sind. In unserer Gesellschaft gehören dazu beispielsweise Rechenfähigkeit (Numeracy), Grundfähigkeiten im IT-Bereich (Computer Literacy), Gesundheitsbildung (Health Literacy), Finanzielle Grundbildung (Financial Literacy) oder Soziale Grundkompetenzen (Social Literacy).

Was bedeutet das für die Kommunen?

In Kommunen leben viele Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Dies kann zu diversen Stolpersteinen führen:

Ob im Beruf, im Umgang mit Behörden und im privaten Bereich, nahezu überall sind die Anforderungen an schriftsprachliche Kompetenzen gestiegen. Griff man früher zum Telefon, wird heute eine WhatsApp-Nachricht geschickt. Und auch der KFZ-Mechaniker und die Reinigungskraft, die früher ihre Arbeit aufgrund von mündlichen und praktischen Fähigkeiten problemlos erfüllen konnten, sehen sich immer häufiger Herausforderungen ausgesetzt. Dabei begleitet funktionale Analphabeten oft die Angst vor Entdeckung, Ausgrenzung oder Arbeitsplatzverlust. Daher nehmen sie Chancen auf Weiterbildung oder Aufstieg selten wahr.

Ca. 31,9 Prozent der erwerbslos gemeldeten Personen haben keine ausreichenden Lese- und Schreibkenntnisse. Auch die Betroffenen, die Arbeit haben, beziehen in der Regel ein geringes Gehalt, haben kaum Chancen auf Beförderung oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht. Für Kommunen bedeutet das erhöhte Aufwendungen für soziale Sicherungssysteme und Verluste durch entgangene Steuern. In vielen Branchen gibt es außerdem einen Fach- und Nachwuchskräftemangel.

a) Politikbeteiligung
Wahlen gehen üblicherweise mit vielen Schriftstücken einher. Obwohl funktionale Analphabeten meistens wissen, wen sie wählen möchten, trauen sie sich oft nicht zu, in der Wahlkabine allein zurechtzukommen. Daher nehmen sie an Wahlen oder Bürgerbefragungen oft nicht teil. Auch engagieren sie sich aufgrund von Ängsten nicht, zum Beispiel im Ehrenamt oder in Parteien.

 

b) Familien
Eltern von Kindern im Kita- oder Grundschulalter stehen vor vielfältigen schriftsprachlichen Herausforderungen. Informationen, die über Elternbriefe an die Familien herangetragen werden, erreichen die Familien nicht.

Studien belegen außerdem, dass das Bildungsniveau der Eltern sich stark auf die Kinder auswirkt. Kinder schauen sich viel bei ihren Eltern ab. Wenn diese aber nicht als lesende Vorbilder auftreten, entwickelt oft auch der Nachwuchs kein Interesse und damit auch weniger Fähigkeiten im Umgang mit Bildung und Schriftsprache.

 

c) Kriminalität
Neben der Perspektivlosigkeit, die durch einen Mangel an Bildung entstehen kann, können von funktionalem Analphabetismus Betroffene auch durch einen Mangel an Lösungsstrategien für alltägliche Herausforderungen in juristische Schwierigkeiten geraten. So schließen sie zum Beispiel Versicherungen nicht ab aus Sorge etwas Falsches zu unterschreiben, überschulden sich, weil sie Verträge nicht verstehen, oder reagieren nicht auf Mahnschreiben oder schriftliche Einladungsschreiben von Behörden.

Funktionale Analphabeten und Analphabetinnen stehen jedoch innerhalb der Kommunen zum Beispiel mit Sozialämtern, Jugendämtern, Schulen und Kindergärten in Kontakt. Wenn Beschäftigte in diesen Institutionen die Probleme verstehen, die durch Mangel an Grundbildung entstehen, können Missverständnisse vermieden und Betroffene auf entsprechende Hilfs- und Kursangebote aufmerksam gemacht werden.

Kostenlose Informationsveranstaltung der VHS

Die Veranstaltung "Kommunale Grundbildung - warum und wie" bietet Kommunen Impulse zum Thema funktionaler Analphabetismus und Gelegenheit zum Austausch.

Termin: 08. September 2017, 10:00 bis 12:00 Uhr
Ort: VHS Wolfsburg, Hugo-Junkers-Weg 5, 38440 Wolfsburg

> Anmeldung bis zum 25. August 2017 an: bosse@vhs-nds.de

Tipps aus der Praxis: Was können Kommunen tun, um dem funktionalen Analphabetismus entgegenzutreten?

Beteiligen oder gründen Sie Netzwerke und Bündnisse und entwickeln Sie gemeinsam eine Strategie. Für ein so relevantes Thema braucht es aktive Menschen, die Betroffene unterstützen, sich für Bildungsangebote einsetzen und das Thema in der Öffentlichkeit bekannt machen.

Schaffen Sie in Kooperation mit Erwachsenenbildungseinrichtungen neue Lernangebote für Grundbildung. Insbesondere Volkshochschulen als kommunale Bildungseinrichtungen setzen sich für das Thema Grundbildung ein. Auch ämterübergreifende Kooperationen können helfen, die verschiedenen Zielgruppen zu erreichen.

Bieten Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Bürgerkontakt regelmäßig Fortbildungen an, die sie dabei unterstützen, Betroffene zu erkennen und anzusprechen. Es kann die Arbeit erleichtern und führt zu einem besseren Verständnis der Problematik der Situation.

In immer mehr Tätigkeitsfeldern der Verwaltung werden Dokumentationen, schriftliche Arbeitsanweisungen und Sicherheitsbelehrungen oder der Umgang mit dem PC erwartet. Schulungen für Mitarbeiter/-innen mit geringerer Qualifikation können dazu beitragen, die Zusammenarbeit zu verbessern und Abläufe effizienter zu gestalten. 

Sprechen Sie über das Thema! Viele Betroffene glauben, dass sie mit ihren schriftsprachlichen Problemen ein Einzelfall sind. Durch eine aktive Verbreitung können Ängste abgebaut und Tabus gebrochen werden.

Nutzen Sie einfache Sprache bei der Konzeption von Formularen und Informationsschreiben. So kommen die Information leichter bei den Bürgerinnen und Bürgern an und es gibt weniger Missverständnisse oder Fehlerquellen im Verwaltungsablauf.

Das Transferprojekt AlphaKommunal des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e.V. erarbeitet gemeinsam mit Kommunen Strategien und Materialien, um das Thema Grundbildung in die Öffentlichkeit zu tragen und Teilnehmende für Grundbildungskurse zu gewinnen. In der Handreichung „Kommunale Grundbildungsplanung. Strategieentwicklung und Praxisbeispiele“ sind die Erfahrungen des Landkreises Uelzen und zweier weiterer Modellstandorte aufgearbeitet, ebenso Handlungsempfehlungen und Praxis-Materialien.

Autorin: Katherina Bosse, Regionale Grundbildungsbeauftragte im Projekt AlphaKommunal – Transfer, Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens e.V.