Newsletter Transferkompakt Juli 2019
Interview: Kooperation des Kreises Recklinghausen und der Stadt Gladbeck.

Gemeinsam mehr erreichen - mit diesem Ziel wurde vor zehn Jahren das Regionale Bildungsnetzwerk des Kreises Recklinghausen eingerichtet, in dem der Kreis und alle kreisangehören Kommunen zusammenarbeiten. Über die Entstehung dieser Kooperation, ihre Mehrwerte und Weiterentwicklung berichten Marit Rullmann vom Kreis Recklinghausen und Nadine Müller von der Stadt Gladbeck im gemeinsamen Gespräch.

Frau Rullmann, Frau Müller: Warum sollten ein Landkreis und die kreisangehörigen Kommunen miteinander kooperieren? Welche Chancen und Mehrwerte bieten sich für beide Partner?
Marit Rullmann (MR):
Gerade im Bildungsbereich macht es viel Sinn zusammenzuarbeiten, da es zwischen den Landkreisen und den kreisangehörigen Kommunen viele Schnittmengen gibt und sich Zuständigkeiten zuweilen überschneiden. Einer der größten Mehrwerte ist, dass uns die Kooperation die Möglichkeit gibt, Projekte durchzuführen, die wir sonst vielleicht nicht hätten umsetzen könnten. Im Bereich der Digitalisierung haben wir beispielsweise erreicht, dass alle Bildungseinrichtungen im Kreis stadtübergreifend ans Glasfasernetz angeschlossen werden. Das ist günstiger, organisatorisch einfacher und schneller. Durch die gemeinsame Anfrage gab es eine ganz andere Verhandlungsbasis und die Wirtschaftlichkeit wurde gesteigert. Auch wenn es dabei nicht um inhaltliche Aspekte geht, ist der Bildungsbereich doch wesentlich involviert.
Nadine Müller (NM): Hinzu kommt, dass aus der Perspektive des Bürgers oder der Bürgerin oft auch gar nicht ersichtlich ist – was ist Kreis und was ist Kommune. Insbesondere dort macht eine Zusammenarbeit auch Sinn, um die Leute nicht zu verlieren.
MR: Ganz genau. Es gibt im Bildungswesen einen Dschungel an Zuständigkeiten, der nur schwierig zu überblicken ist. Schon aus dem Gesichtspunkt der Bildungszugänge ist es sehr wichtig, zu versuchen, kreisweit diesen Dschungel etwas transparenter zu machen. Ein weiterer Mehrwert liegt im Bildungsmonitoring: Der Kreis unterstützt die Städte im Monitoring als Dienstleister und inzwischen wird es als Gemeinschaftsaufgabe wahrgenommen.

Wie wurde die Kooperation aufgebaut, welchen Bedarf gab es auf beiden Seiten und was hat die Zusammenarbeit weiter befördert?
MR:
Den Startschuss gab letztlich ein glückliches Zusammenspiel von unterschiedlichen Förderprogrammen im Jahr 2010, die eine Neuausrichtung des Kreises, die Gründung eines Bildungsbüros und weitere personelle Ergänzungen mit sich brachten. Zentral war außerdem, dass sich der Landrat Cay Süberkrüb das Thema Bildung auf die Fahne geschrieben hatte. Durch die Programmteilnahme konnten wir einige Ideen, die in den kreisangehörigen Kommunen zu diesem Zeitpunkt bereits erarbeitet worden waren, aufgreifen und als Leuchtturmprojekte fördern, wie zum Beispiel das kommunale Bildungsbüro der Stadt Gladbeck. Das hat dazu geführt, dass wir enge Kontakte zu den Städten bekamen. Zudem sind unsere personellen Ressourcen ja immer ziemlich knapp bemessen aufgrund der Ausgangslage im nördlichen Ruhrgebiet, einem strukturschwachen Gebiet mit großen Bildungsproblemen. Dadurch hat sich die Haltung herauskristallisiert, dass es größeren Sinn macht zusammenzuarbeiten, als womöglich noch gegeneinander. Und mit der Zeit hat sich eine gute vertrauensvolle Arbeit miteinander entwickelt, sodass es inzwischen sogar so ist, dass Projektgeber mit Anfragen aktiv an uns herantreten.
NM: Was diese vertrauensvolle Zusammenarbeit auf jeden Fall befördert hat, war gemeinsam an Themen heranzugehen, sich immer wieder zu finden, und das auf der Basis einer lösungsorientierten Haltung. Dafür braucht es die gemeinsame Betrachtung von Bildung als wesentliches Zukunftsthema für eine Region – Bildung dabei auch als Renditemöglichkeit zu sehen. Wenn beide Organisationsformen darin übereinstimmen, lässt sich eine ganze Menge transportieren.

Wie ist Ihre Kooperation im datenbasierten kommunalen Bildungsmanagement verankert? Welche Rolle spielt sie für das DKBM?
MR: Wir haben bereits 2010 den Lenkungskreis für strategische Bildungsfragen eingerichtet, der die Entwicklungen in der Bildungslandschaft im Kreis Recklinghausen wesentlich beeinflusst. Darin sind alle zehn kreisangehörigen Städte und andere Bildungsakteure vertreten. Zudem haben wir weitere themenbezogene Netzwerke aufgebaut, wie die Entwicklungswerkstatt Monitoring, und von Anfang an die kreisangehörigen Kommunen in die Berichterstattung einbezogen. Dabei muss man sehr transparent kommunizieren, wie Daten zustande kommen und wie sie einzuordnen sind. Denn Städte können diesbezüglich andere Bedarfe haben als Kreise.
NM: Insbesondere wenn erst eine zurückhaltende Haltung gegenüber dem Kreis existiert, können Daten eine gute Grundlage sein, um mit den kreisangehörigen Kommunen in den Dialog zu Bildungsthemen vor Ort zu kommen. Aus dem Bildungsmonitoring ergibt sich ein großer Benefit für die Städte, eine tolle Serviceleistung, von der man auch in der strategischen Ausrichtung wirklich profitieren kann.
MR: Ein weiterer, sehr bedeutender Aspekt im DKBM ist die Steuerung einer solchen Kooperation. Wir haben im Kreis schnell argumentiert, dass es gar nicht geht, dass wir als Kreis zehn Städte steuern. Die Strukturen, Hierarchien und Beschlüsse in den Kommunen müssen respektiert werden. Daher haben wir schnell von Koordination gesprochen.
NM: Und um bei aller Eigenständigkeit dennoch eine gemeinsame strategische Ausrichtung und eine höhere Verbindlichkeit der Zusammenarbeit zu fördern, hat es sich bewährt, eine Kooperationsvereinbarung abzuschließen. Diese basiert zum einen auf den Dingen, die schon zusammen erarbeitet wurden, aber sie umschreibt zum anderen auch ein Vorhaben, das die Beteiligten miteinander erreichen wollen. Sie ist also wie eine Zielvereinbarung Grundlage eines effektiven und effizienten Handelns.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kooperation mit kreisangehörigen Kommunen in Ihrem Landkreis? Was sind Weiterentwicklungsmöglichkeiten und weitere Ziele?
NM: Meine Perspektive aus der Stadt heraus ist, dass bei uns die Kooperationen bereits sehr etabliert sind. Selbst Menschen, die das kritisch sahen, haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass wir diese offenen Arbeitsstrukturen haben, dass wir Themen haben, die zwingend vom Kreis und der Stadt gemeinsam angegangen werden müssen. Daher erwarte ich in unserem Bildungsnetzwerk keine Rückwärtsentwicklung. Aber das ist auch immer abhängig von Entscheidungsträgerinnen und -trägern, die diese Schlüsselthemen als solche erkennen müssen und eine wirksame Kooperation auch wollen müssen.
MR: Wir sind da auf einem wirklich guten Weg. Ich wünsche mir noch den intensiveren Ausbau der Kooperation mit weiteren Städten. Und: mehr Personal! Aber das ist im Moment fast unmöglich, sodass wir auch in Zukunft auf Projektfinanzierungen angewiesen sein werden. Dabei schauen wir aber stets sehr bewusst hin, dass wir Projekte finden, die gut zu uns und zu unserer gemeinsamen Strategie passen, und nicht nur Projekte um der Projekte willen umsetzen.

Zu den Personen


Name:
Marit Rullmann (l.)
Tätigkeitsbeschreibung: Fachdienstleitung Bildung seit Januar 2015, vorher Projektkoordination Lernen vor Ort
Im Kreis Recklinghausen seit: Februar 2010 (seit Juni 2019 im Ruhestand)

Name: Nadine Müller (r.)
Tätigkeitsbeschreibung: Kommunales Bildungsmanagement der Stadt Gladbeck/Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte Gladbeck, Kreis Recklinghausen
In der Stadt Gladbeck seit: September 2010 (Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte seit Juli 2016)

 

Welche Erfahrungswerte und Erkenntnisse würden Sie gern an Landkreise weitergeben, die sich dem Thema widmen möchten?
MR: Knappe Ressourcen sind kein Hindernis für die Kooperation zwischen Landkreisen und kreisangehörigen Kommunen. Vielmehr fördern sie die Kreativität, andere Wege zu gehen. Manchmal muss man auch einfach den Mut haben, Neues auszuprobieren und trotz Gegenwind weiterzumachen. Dafür muss man erstmal Erfolge generieren, die man anderen zeigen kann, sodass diese auch motivierter sind, mitzuarbeiten und sich einzubringen.
NM: Hilfreich ist es dabei, erst einmal mit denen anzufangen, die auch wollen. Ganz wichtig ist in diesem Zuge das kleine Einmaleins der Kommunikation: unterschiedliche Kontexte, rechtliche Rahmen und Professionen der Beteiligten zu berücksichtigen und darüber eine gemeinsame Sprache zu finden. Außerdem gilt es, gemeinsame Ziele, aber auch Einzelziele zu identifizieren, dann die Schnittfläche zu finden und zu wissen: In dieser Schnittfläche – da habe ich Erfolg. Ein weiterer wesentlicher Gelingensfaktor sind die beteiligten Personen und ihre Haltung: Wir müssen raus aus dem versäulten Denken. Das ist Verwaltung von gestern. Moderne Verwaltung muss auch in Matrixstrukturen agieren. Nur in koordinierter Kooperation können wir Herausforderungen wie beispielsweise dem demografischen Wandel, Migration oder Digitalisierung, die Kreise und Kommunen meistern müssen, in Zukunft erfolgreich begegnen.

Mehr zur Kooperation vom Kreis Recklinghausen und den kreisangehörigen Kommunen:

Im Jahr 2009 wurde im Kreis das Regionale Bildungsnetzwerk eingerichtet mit dem Ziel die systematische Vernetzung von Bildungsakteuren vor Ort zu fördern, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Lernprozessen entlang der gesamten Bildungskette zu unterstützen. Im regionalen Bildungsnetzwerk arbeiten neben dem Kreis Recklinghausen auch alle zehn kreisangehörigen Kommunen (in diesem Fall ausschließlich Städte), das Medienzentrum, das Kommunale Integrationszentrum (KI) und das Kompetenzteam (KT) als gemeinsame Einrichtungen von Land und Kommune, sowie diverse Arbeitskreise und Einrichtungen der non-formalen Bildung zusammen. Als Maßnahmen zur Zielerreichung des Regionalen Bildungsnetzwerkes wurden unter anderem festgehalten:

•    Kreisweites Bildungsmanagement (Gremien, Konferenzen, Monitoring)
•    Realisierung und Transfer guter Praxisprojekte
•    Übergange gestalten: Kita-Grundschule, Grundschule-Sek I, Schule-Beruf
•    Etablierung von Sprachförderkonzepten
•    Aufbau von Netzwerken (für Monitoring, Neuzugewanderte etc.)

Das Gremium des Regionalen Bildungsnetzwerkes ist der Lenkungskreis, dem Vertreterinnen und Vertreter der zehn kreisangehörigen Städte, der Schulen und der Schulaufsicht beisitzen. Das 2010 eingerichtete Regionale Bildungsbüro des Kreises Recklinghausen hat die Geschäftsführung übernommen und ist unter anderem für die Kommunikation zwischen den Schulen und allen anderen Bildungsträgern, den Städten, dem Kreis und dem Land verantwortlich. Der Lenkungskreis stimmt über Bildungsvorhaben und Projekte ab, die vom Regionalen Bildungsbüro mit weiteren Bildungsakteuren umgesetzt werden. Einmal jährlich findet eine Bildungskonferenz für die regionalen Bildungsakteure zu grundlegenden, aktuellen Bildungsfragen statt.

 

Autorinnen: Marit Rullmann, Fachdienstleitung Bildung des Kreises Recklinghausen, und Nadine Müller, Kommunales Bildungsmanagement der Stadt Gladbeck/Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte Gladbeck, Kreis Recklinghausen