Newsletter Transferkompakt Juli 2020
Thema: Demokratiebildung – Partizipation fördern und Demokratie stärken.

In diesem Jahr können wir in Deutschland über 70 Jahre auf das Grundgesetz zurückblicken, müssen jedoch zeitgleich feststellen, dass antidemokratische Bewegungen immer stärker in den Fokus rücken und lautstark ihre Meinungen verbreiten. Vor wenigen Wochen warnten zudem das Demokratie-Institut IDEA und die US-Organisation National Endowment for Democracy gemeinsam mit 500 Unterzeichnern, darunter 13 Nobelpreisträgern, vor einer Krise der Demokratie durch die Corona-Pandemie. Eine zukunftsfähige Demokratie braucht sich aktiv einbringende, politisch gebildete und urteilsfähige Bürger. Die Vermittlung dieser Kompetenzen ist Aufgabe der Demokratiebildung. Wie entsteht demokratisches Denken? Und welche Vorteile haben Strukturen eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements (DKBM) bei der Demokratiebildung?

Wie wird Mensch Demokrat/-in?

Die Frage impliziert, dass Mensch nicht als Demokrat/-in geboren wird. Bereits im 19. Jahrhundert formulierten die beiden Pädagogen John Dewey und Janusz Korczak, dass Demokratie aktiv angeeignet werden muss. Diese These hat nicht an Bedeutung verloren. Reiner Frontalunterricht macht noch keinen Demokraten/keine Demokratin. Demokratie muss lebendig, selbstständig und praktisch als Teil der Selbstbildung erfahren werden. Relevant sind eher vielfältige Partizipationsmöglichkeiten eines/einer jeden, wobei besonders die Erfahrungen im Kindes- und Jugendalter von Bedeutung sind.

Gaby Straßburger und Judith Rieger unterscheiden dabei verschiedene Stufen der Partizipation aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: einer institutionell-professionellen Perspektive sowie der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger. Untenstehend wird die institutionell-professionelle Perspektive in einer Abbildung dargestellt.

Partizipation aus institutionell-professioneller Perspektive (eigene Abbildung nach Gaby Straßburger und Rieger, Judith, 2014: Partizipation kompakt – Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe, S. 232f).

Die UN-Kinderrechtskonvention und andere Bestimmungen unterstreichen die Bedeutung der Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Bereichen und machen deutlich, dass diese nicht nur gewährt, sondern als Recht festgeschrieben ist. Dabei gilt der Grundsatz, Kinder und Jugendliche gezielt und aktiv einzubinden, dabei jedoch eine Überforderung zu vermeiden. Vielfältige und unterschiedliche Partizipationserlebnisse sind wichtig: Erste Erfahrungen im Kindergarten, eine Beteiligung in der Schule und in der Kinder- und Jugendarbeit sind dabei nur mögliche Ausschnitte.

Angebote zum Erleben von Partizipation und die Beteiligung an demokratischen Prozessen sollten auch über das Ausscheiden aus der Schule oder der Universität hinaus vorgehalten werden, zum Beispiel im Rahmen von Erwachsenenbildung. So können Kommunen und weitere Bildungsakteure wesentlich zur Förderung des Verständnisses von Demokratie beitragen.

DKBM-Strukturen nutzen: Kommune als Ort der Demokratiebildung

Im Rahmen des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements (DKBM) wird Demokratiebildung gefördert und Partizipationserfahrung ermöglicht.  Neben klassisch repräsentativen Beteiligungsformen mit gewählten Vertretern und Vertreterinnen in Gremien, sind auch offene (gekennzeichnet durch einen freien Zugang) oder projektorientierte Beteiligungsformen möglich.

Das DKBM kann dabei auf verschiedenen Ebenen arbeiten: Partizipative Beteiligungsformate für verschiedene Altersstufen können in kommunalen (Verwaltungs-)Vorgänge eingebunden werden und so die Möglichkeit eröffnen, den öffentlichen Raum mit zu gestalten. An welchen Punkten können Kinder, Jugendliche und Erwachsene direkt einbezogen werden, sodass sie nicht das Gefühl haben, dass nur über sie und ihre Bedürfnisse gesprochen wird? Euler und Sloane bringen diesen Aspekt in der DKBM-Komponente „Bildungsdiskurs“ zum Ausdruck (Euler, Dieter und Peter F.E. Sloane (2016): Kommunales Bildungsmanagement - Kernkomponenten und Gelingensfaktoren). Bildungskonferenzen unter Beteiligung der Öffentlichkeit sind dabei nur eine Möglichkeit. Auch Online-Beteiligungsformate oder die gezielte Einbeziehung von Kinder- und Jugendparlamenten ebenso wie Schüler- und Elternräten sind denkbar.

Die Akteure der Bildungslandschaft nehmen eine wichtige Rolle für die Demokratiebildung ein und fördern das demokratische Verständnis durch verschiedene Projekte und Partizipationsmöglichkeiten innerhalb ihrer eigenen Strukturen und Abläufe. Das Bildungsbüro hat durch den Kontakt zu verschiedenen Akteursnetzwerken nicht nur die Möglichkeit, die Bedeutung des Themas hervorzuheben und zu fördern, sondern kann darüber hinaus eine koordinierende Rolle übernehmen. Beispielhaft kann hier das Bildungsbüro in Neustadt an der Weinstraße genannt werden, das Demokratiebildung als eines seiner Handlungsfelder definiert hat und seit 2018, zum Beispiel mit der Initiierung und Koordination eines Demokratienetzwerkes, aktiv in diesem Bereich arbeitet.

Gute Ideen und Unterstützungsmöglichkeiten für Kommunen

  • Gemeinschaftsinitiative „Förderfonds Demokratie: Ein Zusammenschluss von acht deutschen Stiftungen. Bis zum 30. September 2020 können sich zivilgesellschaftliche Demokratie-Initiativen für eine Förderung von bis zu 5.000€ bewerben.
  • „Demokratie stärken ist eine Förderung der Hertie-Stiftung und hat mehrere neue Initiativen ins Leben gerufen. Im Projekt „Jugend entscheidet“ werden über eine Million Euro bereitgestellt, bewerben können sich interessierte Städte und Gemeinden mit bis zu 100.000 Einwohnern ab Herbst 2020.
  • Praxisbeispiele für Förderprojekte: Neben dem bereits abgeschlossenen Projekt „Demokratie leben“ existieren weitere im Rahmen des Bundesprogramms initiierten Projekte  für eine Förderung der Demokratiebildung auf kommunaler Ebene, allein 22 davon bestehen in Niedersachsen.
  • Konzeption „Das Rote Sofa“: Das Beteiligungsprojekt des Jugendrings Hannover fragt durch leitfadengestützte Interviews die Perspektiven der Jugendlichen ab. Anschließend werden die Ergebnisse interpretiert und aufgearbeitet und den Verantwortlichen rückgemeldet. Das Berlin Institut für Partizipation hat das Konzept für einen Transfer aufbereitet.
  • App „Spot on – Demokratie auf der Spur: Orte der Demokratie interaktiv entdecken: Spot on ist eine Art digitale Schnitzeljagd rund um das Thema Demokratie in Niedersachsen. Wo findet Demokratie vor Ort statt? Wo fehlen Möglichkeiten zum Mitbestimmen? Mit einem Smartphone oder Tablet und der Spot on-App können digitale Demokratie-Routen („Spots“) erkundet werden. Im Laufe von etwa 45 bis 60 Minuten geht es am besten in der Gruppe auf Entdeckungstour zu Orten der Demokratie. Rätsel und Aufgaben, Texte und Videos bieten Anreize, Meinungen zu diskutieren, eigene Einstellungen zu hinterfragen und Standpunkte zu beziehen. Spots können in Dörfern oder Städten von lokalen Gruppen für Neugierige und Interessierte erstellt werden. So werden vielfältige Aspekte von Demokratie und zahlreiche unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Spot on ist ein Angebot der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Autorin: Anna-Margaretha Stascheit, Transferagentur Niedersachsen