Newsletter Transferkompakt März 2019
Interview zum neuen Fachkräftemonitoring im Landkreis Wesermarsch.

Im Rahmen des Begleitprozesses mit der Transferagentur Niedersachsen hat der Landkreis Wesermarsch ein Fachkräftemonitoring entwickelt und durchgeführt. Wir haben die Veröffentlichung des Berichtes zum Anlass genommen, um mit dem Ersten Kreisrat Hans Kemmeries und der verantwortlichen Bildungsmonitorerin/-managerin Maria Tonder über Mehrwerte, Konsequenzen und Empfehlungen für andere Kommunen zu sprechen.

Herr Erster Kreisrat Kemmeries, Frau Tonder: Das erste Fachkräftemonitoring des Landkreises Wesermarsch wurde erfolgreich durchgeführt und der Bericht liegt nun vor. Welche Mehrwerte bietet das Fachkräftemonitoring für Ihre persönliche Tätigkeit?
Erster Kreisrat Hans Kemmeries (HK):
Die jetzt erhobenen Daten geben mir die Möglichkeit, einen Abgleich mit persönlichen Einschätzungen vorzunehmen. Daraus resultiert dann eine deutlich bessere Grundlage für zukünftige Entscheidungsfindungen.
Maria Tonder (MT): Durch die Befragung und insbesondere Veröffentlichung des Berichtes zum Fachkräftemonitoring wurde und wird der Bekanntheitsgrad des Bildungsbüros gesteigert. Neue und potenzielle Netzwerkpartner und -partnerinnen konnten gewonnen werden bzw. werden auf uns aufmerksam. Zudem bietet der Bericht viele Ansatzpunkte für die Fachgruppen der Bildungsregion und andere Gremien. Neben dem Kreisentwicklungskonzept werden die Ergebnisse eine wesentliche Rolle in der inhaltlichen Ausrichtung unserer Arbeit spielen.

Wenn Sie zurückblicken: Was waren die Beweggründe, ein Fachkräftemonitoring einzuführen und planen Sie dies als Routine?
MT:
Die Abwanderung junger Menschen und insbesondere Frauen aus der Wesermarsch ist im Landkreis ein Thema von hoher Priorität – sowohl politisch als auch individuell. Im Rahmen der Analyse- und Lösungswerkstatt der Transferagentur Niedersachsen einigten sich die anwesenden Akteure auf die Durchführung eines Fachkräftemonitorings, um einen tiefergehenden Einblick in die aktuelle Fachkräftesituation der Wesermarsch zu bekommen. Dabei war besonders der multiperspektivische Aspekt, der durch die Befragung verschiedener beteiligter Zielgruppen erzielt werden konnte, von Interesse. Momentan sehe ich den Bericht eher als einmaligen Impulsbericht. Er bildet die aktuelle Situation gut ab und bietet Handlungsansätze. Auf lange Sicht ist es jedoch sicherlich sinnvoll ein weiteres Fachkräftemonitoring durchzuführen, um Tendenzen und Trends erkennen zu können – insbesondere vor dem Hintergrund der anhaltenden Aktualität des Themas.
HK: Ziel war es, die Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln zu hinterfragen. Im Zusammenhang mit den formulierten Maßnahmen ist eine Wiederholung im Rahmen einer Evaluation sicherlich sinnvoll.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse und welche konkreten Konsequenzen ergeben sich daraus?
HK: Zunächst ist besonders herauszustellen, dass die Schüler/-innen ein großes Interesse an dem Thema hatten. Dies zeigt sich auch durch die außerordentliche hohe Beteiligung an der Befragung. Ein wichtiges Ergebnis ist die sehr unterschiedliche Bewertung der jeweiligen Akteure bezogen auf die aktuellen Rahmenbedingungen in der Wesermarsch. Hier gilt es noch mehr Klarheit und Transparenz zu schaffen. Allerdings ist das Thema Mobilität von allen Befragten besonders betont worden. Daraus ergibt sich für Politik und Verwaltung ein besonderer Auftrag für die Zukunft.
MT: Welche Ergebnisse die wichtigsten sind, hängt natürlich immer vom Lesenden ab: Je nachdem, ob es sich um einen Arbeitgeber, eine Lehrerin oder einen Ausschussvertreter handelt, werden wahrscheinlich unterschiedliche Gewichtungen und Bewertungen vorgenommen. Ich finde besonders das Nutzungsverhalten der Schülerinnen und Schüler bei den verschiedenen Informationsmöglichkeiten im Rahmen der Berufswahl interessant: Das soziale Umfeld (Familie und Freunde) ist nach Online-Angeboten die zweitwichtigste Informationsquelle. Auf Basis der Ergebnisse ist beispielsweise ein stärkerer Einbezug der Erziehungsberechtigten in die Berufsorientierung denkbar, um dieses große Potenzial zu nutzen. Ebenso müssen Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen an ihren Online-Präsenzen arbeiten: Zwar rekrutiert bereits fast die Hälfte erfolgreich über Online-Inserate, allerdings gaben auch rund 20 Prozent an, das Internet gar nicht zu nutzen. Gerade für kleine und mittelständische Betriebe ist der Aufbau und die Pflege einer Internetpräsenz personell und fachlich jedoch oft nicht nebenbei leistbar. Hier könnte die Einrichtung einer zentralen Unterstützungsstelle oder Ähnliches hilfreich sein.

Inwieweit ist das Fachkräftemonitoring für Sie Teil eines funktionierenden datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements (DKBM)?
HK: Es handelt sich hier sicherlich um einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Allerdings müssen die dadurch entstandenen Impulse nunmehr genutzt werden, um die weitere Entwicklung eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements voranzutreiben.
MT: Ich sehe das Fachkräftemonitoring als Motor, der den DKBM-Kreislauf antreibt: Durch thematische Analysen wie diese wird der Fokus auf ein spezifisches Themenfeld gelenkt und es werden Impulse für die weitere Arbeit gesetzt – sowohl im Bildungsbüro selbst als auch darüber hinaus. Die gezielte, zeitnahe und vor allen Dingen datenbasierte Bearbeitung eines Feldes bringt Akteure zusammen und Dynamik in die Bildungslandschaft.

Welche Empfehlungen haben Sie an Kommunen, die selbst ein Fachkräftemonitoring durchführen wollen?
HK: Besonders wichtig ist die frühzeitige „Werbung“ bei den Institutionen und Unternehmen. Ziel muss es sein, auch hier eine möglichst hohe Beteiligung zu erreichen. Bei den Schulen kann man auf die funktionierenden Netzwerke verweisen, die durchaus in der Lage sind, eine solche Befragung konstruktiv umzusetzen.
MT: Ich denke, eine Zusammenarbeit mit beispielsweise der lokalen Wirtschaftsförderung oder ähnlichen Institutionen kann sehr hilfreich für eine gute Kontaktbasis zu den Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen der Region sein. Ein frühzeitiger Einbezug der Schulleitungen war in meinem Fall ebenfalls vorteilhaft – die Zusammenarbeit hat wirklich wunderbar geklappt. Ansonsten würde ich noch empfehlen, die Befragung online durchzuführen, das erleichtert die Auswertung und ist für die Befragten mit weniger Aufwand verbunden. Ausgenommen sind Schülerinnen und Schüler, hier ist die klassische Papiervariante praktikabler. Bei der Planung der Befragung speziell und des Vorhabens allgemein sollten Prüfungs- und Ferienzeiten berücksichtigt werden.

Zu den Personen

Name: Hans Kemmeries
Tätigkeitsbeschreibung: Erster Kreisrat
Im Landkreis Wesermarsch seit: 1985

Name: Maria Tonder
Tätigkeitsbeschreibung: Bildungsmonitoring und -management
Im Landkreis Wesermarsch seit: Dezember 2016

 

Mehr zum Fachkräftemonitoring des Landkreises Wesermarsch:

Im Rahmen der Analyse- und Lösungswerkstatt, die Mitte 2017 von der Transferagentur Niedersachsen initiiert und mit verwaltungsin- und -externen Akteuren aus dem Bildungsbereich des Landkreises Wesermarsch durchgeführt wurden, folgte auf die Priorisierung des Themas „Ausbildungsabwanderung/Fachkräftemangel“ die Entscheidung, mithilfe eines Instrumentes der Metropolregion Nordwest ein Fachkräftemonitoring durchzuführen.

Das Instrument wurde von den Landkreisen Verden und Osnabrück entwickelt. Konkret handelt es sich dabei um einen umfangreichen, für verschiedene Zielgruppen gestalteten Fragenkatalog, der mehrere Themenblöcke (Module) umfasst, die je nach Interessenlage zu Fragebögen kombiniert werden können. Neben den Pflichtmodulen „Fachkräftemangel/offene Stellen“, „Strukturdaten“ und „Kontakt/ Themen“ können (mit Rücksicht auf die Gesamtlänge) vier weitere Module gewählt und zu einem fertigen Fragebogen zusammengefügt werden. Für das Fachkräftemonitoring im Landkreis Wesermarsch wurden die Module „Rekrutierung“, „Angebote/Maßnahmen“, „Attraktivität der Region“ und das „Freie Kriterium“ gewählt. Letzteres beinhaltet in enger Abstimmung mit der kommunalen Koordinatorin für Bildungsangebote für Neuzugewanderte konzipierte Fragen zum Thema Neuzugewanderte. Aus genannten Modulen wurden Fragebögen für folgende Zielgruppen erstellt:
•    Arbeitgeber/-innen des Landkreises
•    Institutionen (wie zum Beispiel JadeBay oder das regionale Jobcenter)
•    Auszubildende
•    Schüler/-innen der Abschlussklassen an den allgemeinbildenden Schulen, der berufsbildenden Schulen und der SPRINT-Klassen

Die inhaltliche und organisatorische Begleitarbeit wurde von einer für das Fachkräftemonitoring gegründeten Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaftsförderung, des Bildungsbüros und der Leitung des Fachdienstes für Schulen, Kultur und Sport geleistet. Die Befragung an den Schulen erfolgte im März/April 2018; die restlichen Gruppen wurden im Juli/August 2018 befragt. Die erhobenen Daten wurden im Bildungsbüro gesammelt und ausgewertet. Der Bericht zum Fachkräftemonitoring wurde am 14. Februar 2019 veröffentlicht und kann hier abgerufen werden.

Autor/-in: Hans Kemmeries, Erster Kreisrat, und Maria Tonder, Bildungsmanagement und -monitoring, Landkreis Wesermarsch