Newsletter Transferkompakt November 2020
Interview: Digitale Kompetenzen – der europäische Referenzrahmen DigComp.

Großer Konsens herrscht bei der Frage, dass Digitalisierung nicht nur ein Megatrend, sondern im Zuge des veränderten Arbeits- und Schulalltages spätestens durch die Corona-Pandemie unabdingbar geworden ist. Dass Digitalisierung allerdings auch Kompetenzerwerb erfordert und diese Kompetenzen eine einheitliche Definitionsbasis benötigen, um sie gezielt verbessern zu können, steht auf einem anderen Blatt. Thomas Helmke und Karoline Mikus vom Bildungsbüro der Stadt Wolfsburg sind im Rahmen ihrer Beschäftigung mit dieser Herausforderung nach umfassender Recherche auf den Europäischen Referenzrahmen DigComp gestoßen. Hierbei handelt es sich um ein Instrument zur Einschätzung und Verbesserung von digitalen Kompetenzen. Wir haben sie nach ihren Erfahrungen und den daraus resultierenden Umsetzungen des Bildungsbüros der Stadt Wolfsburg befragt.

Frau Mikus, Herr Helmke, bitte beschreiben Sie uns kurz Ihren Ausgangspunkt als Bildungsbüro: Was war Ihre Herausforderung im Bereich der Digitalisierung?
Digitale Kompetenzen sind wichtig, das wird Ihnen wahrscheinlich jede Institution im Bildungs- und auch außerhalb des Bildungsbereiches bestätigen können: Kindergärten, Schulen, Unternehmen, Universitäten, Kammern, Politik, Volkshochschulen und auch der Seniorenring. Aber was sind denn digitale Kompetenzen eigentlich? Befragt man sein persönliches Netzwerk vor Ort, bekommt man einige Antworten geboten: Programmieren, 3-D-Druck, Datensicherheit, Fake-News erkennen, Onlinebanking für Senioren und die Handyfahrkarte für den Bus. Die Bandbreite ist schon enorm. Alle Antworten haben ihre Berechtigung. Dass der Erwerb von digitalen Kompetenzen das Ziel ist, steht außer Frage. Doch was genau ist darunter zu verstehen und wie kann ich feststellen, wie weit ich als Kommune oder Institution in diesem Bereich schon bin? Wir haben uns auf die Suche nach einem möglichen Lösungsweg gemacht, nach dem heiligen Gral der digitalen Kompetenzen, im Dickicht der Schlagworte, irgendwo zwischen künstlicher Intelligenz, Digital Leadership und TikTok. Seit dem Sommer 2019 arbeiten wir im Rahmen des Projektes „Bildung integriert“ im Bildungsbüro Wolfsburg. Wir haben ein sehr aktives Netzwerk an Bildungspartnern, zukunftsorientierten Führungskräften und die Freiheit zur Recherche als Grundsteine für unsere Arbeit erhalten. Und so begann die Suche nach einem gemeinsamen Nenner für unsere Bildungslandschaft.

Wie haben Sie diesen gemeinsamen Nenner gefunden?
Die Recherche hat uns nach einigen Umwegen schlussendlich zum Europäischen Referenzrahmen DigComp (Abkürzung für „digital competences“) geführt, ein Instrument zur Einschätzung und Verbesserung von digitalen Kompetenzen. Der DigComp wird als Referenz für viele digitale Kompetenzinitiativen auf europäischer Ebene genutzt. So hat beispielsweise in Deutschland die Kultusministerkonferenz unter anderem auch den DigComp als Grundlage für ihr Strategiepapier Bildung in der digitalen Welt genutzt. Analog zum Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen gibt es damit ein Raster, das als Verständigungsgrundlage über entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten dienen kann. Urheber ist die Gemeinsame Forschungsstelle (Joint Research Center) in Sevilla, Spanien. Diese ist der wissenschaftliche Dienst der Europäischen Kommission. Sie unterstützt die Politikgestaltung der EU durch unabhängige, faktengestützte und wissenschaftliche Beratung.

Was ist der DigComp genau und wie ist die Umsetzung in der Stadt Wolfsburg geplant?
Der DigComp definiert fünf Kompetenzbereiche mit insgesamt 21 Kompetenzen: Umgang mit Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erzeugen digitaler Inhalte, Sicherheit und Problem lösen. Im Frühjahr 2020 haben wir den DigComp in den politischen Gremien vorgestellt und breiten Zuspruch erhalten. Der Rat der Stadt Wolfsburg hat im Juli 2020 beschlossen, dass die Stadt Wolfsburg sich bei der zukünftigen Ausrichtung der digitalen Bildungsangebote an seinen Strukturen orientieren wird. Dazu gehört unter anderem, dass allen Wolfsburger Bürgerinnen und Bürgern die Weiterentwicklung der eigenen digitalen Kompetenzen ermöglicht und in den Weiterführenden Schulen in Wolfsburg flächendeckend eine Feststellung der digitalen Kompetenzen eingeführt wird. Zudem werden dem Rat der Stadt Wolfsburg regelmäßige Berichte mit steuerungsrelevanten Daten zur Verfügung gestellt.

Zu den Personen

Name: Thomas Helmke
Tätigkeitsbeschreibung: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bildungsbüro Wolfsburg, Arbeitsschwerpunkte: Bildung und Digitalisierung, Netzwerkarbeit
Bei der Stadt Wolfsburg seit: 2011, seit 2019 im Projekt Bildung integriert

Name: Karoline Mikus
Tätigkeitsbeschreibung: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungsbüro Wolfsburg, Arbeitsschwerpunkt: Bildungsmonitoring der non-fomalen und informellen Bildung
Bei der Stadt Wolfsburg seit: 2019

Fragen, Ideen, Anregungen gerne an: thomas-francis.helmke@stadt.wolfsburg.de und karoline.mikus@stadt.wolfsburg.de

Mit dem DigComp liegt also eine allgemeingültige Definition vor, was digitale Kompetenzen sind. Wie finde ich denn heraus, wie es um meine eigenen Fähigkeiten in diesem Bereich bestellt ist?
Dafür gibt es in Europa schon zahlreiche Tests zur Selbsteinschätzung und Kompetenzüberprüfung. Wir haben auf www.wolfsburg.de/digcomp drei Tests verlinkt. Diese sind kostenlos und ohne Anmeldung für jeden Interessierten zugänglich. Voraussichtlich ab Dezember 2020 steht auch ein offizieller Test des Joint Research Center mit 83 Fragen zu Wissen, Selbsteinschätzung und persönlicher Einstellung zur Verfügung. Damit ist die Feststellung der eigenen digitalen Kompetenz einfach möglich. Der Test dauert etwa 30 Minuten und wird dann selbstverständlich auch von unserer Seite aus verlinkt. Aber was wäre ein Test ohne einen Nachweis, ein Zeugnis, eine Urkunde oder ein Zertifikat? Diese Aufgabe hat sich die Europäische Kommission mit dem aktuellen Digital Education Action Plan 2021-2027 auf die Fahnen geschrieben. Dort wird die Erstellung eines European Digital Skills Certificate (EDSC) festgeschrieben. Dies ist ein Nachweis der digitalen Kompetenz, welcher europaweit von Staaten, Unternehmen, Universitäten und weiteren Institutionen anerkannt wird. Diese Lösung ist aus unserer Sicht auch deutlich sinnvoller als ein lokales oder regionales Zertifikat.  

Im Handlungsfeld Digitalisierung spielen Netzwerke eine wichtige Rolle. Wie arbeiten Sie mit der kommunalen Bildungslandschaft zusammen?
Die Netzwerkarbeit der letzten Jahre hat sich bewährt. In Wolfsburg arbeiten fünf lebendige Netzwerkgruppen mit circa 30 Bildungsakteuren, die sich entlang der Bildungsbiografie mit dem Thema digitale Bildung beschäftigen. Als Bildungsbüro Wolfsburg informieren und organisieren wir diese Netzwerke und fördern den fachlichen Austausch. Auch ein Austausch auf europäischer Ebene über den ALL DIGITAL Verband aus Brüssel bereichert unsere Arbeit durch zahlreiche Einflüsse und Ideen aus anderen Ländern und Bildungssystemen.

Und wie sieht der Plan für die Zukunft aus?
Mit der Volkshochschule Wolfsburg haben wir im Herbst 2020 ein erstes Pilotprojekt gestartet. Die Kurse der VHS werden ab sofort anhand der Kompetenzbereiche und Kompetenzlevel des DigComp ausgewiesen. Danach ist die Ausweitung auf weitere kommunale Bildungsanbieter geplant. Zudem startet das Bildungsmonitoring für den Themenschwerpunkt „Digitale Kompetenz“. Wir beginnen mit einer klassischen Bestandsaufnahme, um die Gelegenheitsstrukturen zum Erwerb digitaler Kompetenz entlang der Bildungsbiografie transparent zu machen. Der Fokus liegt hierbei auf den vorhandenen informellen und non-formalen Bildungsangeboten. Ziel ist es, zu analysieren in welchen Bereichen ein Über- oder Unterangebot existiert. Haben wir Angebote für alle fünf DigComp Kompetenzbereiche? Fehlt es an Angeboten für Seniorinnen und Senioren? Gibt es ausreichend kostenlose Angebote? Diese und viele weitere spannende Fragen können wir voraussichtlich schon bereits Ende dieses Jahres beantworten und dann entsprechende Entwicklungsimpulse in die Bildungslandschaft senden.

Frau Mikus, Herr Helmke, vielen Dank für das Interview!