Newsletter Transferkompakt November 2020
Wie Sozialraumorientierung zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen kann.

Pünktlich zum gleichnamigen Fachtag ist die neue Ausgabe unseres Fachmagazins TRANSFERkompass erschienen. Darin zeigen wir Synergieeffekte von integrierter Planung und datenbasiertem kommunalen Bildungsmanagement (DKBM) auf und erläutern, wie Sie diese vor Ort nutzen können. Ihr kostenloses Exemplar können Sie hier bestellen. Freuen Sie sich auf kommunale Beispiele, eine Checkliste mit Leitfragen und andere spannende Beiträge aus Wissenschaft und Praxis - wie das nachfolgende Interview mit Prof. Dr. Gaby Reinhard zu kommunalen Herausforderungen und potenziellen Lösungswegen.

Prof. Dr. Reinhard lehrt Methoden der Sozialen Arbeit an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf und zählt Sozialraumorientierung sowie integrierte Stadtteilentwicklung seit Langem zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Als ehemalige geschäftsführende Leitung des Institutes für Stadtteilentwicklung, Abteilungsleitung der Jugendhilfeplanung im Jugendamt der Stadt Essen sowie durch ihre Tätigkeit als Mitglied des Kuratoriums der Anneliese Brost-Stiftung bringt sie zudem verschiedene Perspektiven auf integrierte Planung und Sozialraumorientierung ein, die auch im Rahmen eines datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements (DKBM) von Interesse sind.

Frau Professorin Reinhard, Sie waren selbst als Abteilungsleiterin Jugendhilfeplanung bei der Stadt Essen aktiv. Welche Aufgaben kommen Kommunen aus Ihrer Sicht bei der Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe zu?
Schon länger stellen soziale Ungleichheit, Armut und Ausgrenzung in Deutschland einhergehend mit einer fortschreitenden räumlichen Konzentration benachteiligter Bevölkerungsgruppen in einzelnen Stadtteilen und Quartieren die verantwortlichen Akteure in Politik, Verwaltung und auch bei Kirchen, Verbänden und Vereinen vor enorme Herausforderungen. Hinzu kommen die Zuwanderung aus den verschiedenen internationalen Krisengebieten und die damit verbundenen sozialräumlichen Integrationserfordernisse. Die Ursachen dafür sind sehr vielfältig und liegen oftmals nicht auf kommunaler Ebene. Allerdings können wir auf kommunaler Ebene die ungleichen Bedingungen des Aufwachsens zum Anlass nehmen, um die Sozialisations- und Lebensbedingungen und damit natürlich auch Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe für Menschen mit ihnen und in ihrem Sinne zu verbessern.

Die kommunalen Verwaltungen haben sich in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren sehr bewegt. Neben dem Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ haben auch die Bildungs- und Präventionsketten zu einem abgestimmten, auf den Sozialraum bezogenen und manchmal auch integrierten Handeln geführt. Viele Kommunen in Niedersachsen beteiligen sich ja auch an dem landesweiten Programm „Präventionsketten in Niedersachsen: Gesundes Aufwachsen für alle Kinder!“ Allerdings ändern sich immer wieder Förderbedingungen. Finanzierungen werden nur für eine Projektlaufzeit gewährt und müssen dann mühevoll verlängert werden, wenn dies überhaupt gelingt. Das ist frustrierend, schafft sehr viel Arbeit, führt zu einer Unzufriedenheit bei allen Beteiligten. Die meisten Kolleginnen und Kollegen versuchen dem mit Humor und Pragmatismus zu begegnen und entsprechende Anträge zu stellen. Eine Aufgabe der Kommune und auch von Land und Bund wäre es, diese Kluft zwischen Bürokratie und Zivilgesellschaft zu schließen. Ich bin mir sehr sicher, dass viele Fachkräfte nur durch Beharrlichkeit, Herzblut für die Sache und durch kreative Lösungen in ihren jeweiligen Organisationen gemeinsam im Quartier erfolgreich arbeiten.

Mit dem Ziel der Chancengleichheit vor Ort wird verstärkt auch das Konzept der Sozialraumorientierung in Zusammenhang gebracht. Was verstehen Sie persönlich darunter und inwiefern kann Sozialraumorientierung zu mehr Chancengleichheit vor Ort beitragen?
Sozialraumorientierung ist eine wehrlose Vokabel und oft werden schon dann Maßnahmen oder Strategien darunter subsumiert, die lediglich dezentral ausgerichtet sind. Nach meinem Verständnis ist Sozialraumorientierung ein Fachkonzept für unterschiedliche Politikfelder wie Jugend, Bildung, Stadtentwicklung, Gesundheit oder Soziales. Wir haben es hier einerseits mit einem hochgradig personenbezogenen Ansatz und andererseits mit einem sozialökologischen, auf die Veränderung von Verhältnissen zielenden Ansatz zu tun. Akteure in der kommunalen Landschaft sind aufgefordert, von den Menschen her zu denken und passgenaue infrastrukturelle Angebote und Unterstützungssettings im Wohnumfeld zu schaffen, anstatt die Menschen für die vorhandenen Angebote passend zu machen. Für uns ist der Wille des Menschen leitend und nicht die Normalitätsvorstellungen etwa aus Verwaltung oder Politik. Aus meiner Sicht fördert ein solcher Ansatz Chancengleichheit, weil im Sinne der leistungsberechtigten Menschen passgenaue Unterstützungsarrangements entwickelt werden, die sich nicht an der versäulten Angebotsstruktur (ambulant, teilstationär, stationär) orientieren, sondern die eigenwilligen Vorstellungen der Menschen von einem gelingenderen Alltag als Grundlage nehmen.

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, um Sozialraumorientierung erfolgreich umzusetzen?
Ein Fachkonzept – wie die Sozialraumorientierung – bezieht sich auf den „institutionellen“ Wirkungszusammenhang für die gesamte Arbeit innerhalb einer Einrichtung oder einer Organisation. Idealtypisch werden im Rahmen der Implementation der Sozialraumorientierung Personal- und Organisationsentwicklung miteinander verzahnt, um das willens- und ressourcenorientierte Handeln der Fachkräfte innerhalb der Institution sowohl durch die zuständige Leitungsebene als auch neue Verfahrensabläufe zu stützen. Neben der professionellen Haltung ändern sich auch organisatorische Abläufe und Steuerungsstrukturen. Wenn es darum geht, Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und auch Inklusion strukturell und nicht nur projektbezogen zu fördern, ist es im Grunde notwendig, die Entwicklung passgenauer Unterstützungssettings mit neuen und flexibleren Formen der Finanzierung zu verbinden. Wenn nur ein Leistungsbereich zugrunde gelegt wird – Gesundheitshilfe, Jugendhilfe oder Eingliederungshilfe – sind die Möglichkeiten, für und mit den Menschen und die jeweilige Lebenssituation entsprechende Unterstützungsarrangements zu schaffen, begrenzt.

Jede Organisation, Einrichtung oder auch jeder Verein kann unabhängig von seiner Größe entscheiden, die Fachkräfte dabei zu unterstützen, eine entsprechende professionelle Haltung zu entwickeln und auch unterstützende Verfahren zu implementieren. Anders ist es mit der finanziellen Organisation von Sozialraumbudgets. Hier sind in der Regel grundsätzliche Entscheidungen des öffentlichen Trägers notwendig, um ein auf den Raum bezogenes Finanzierungskonzept zu entwickeln.

Zur Person

Name: Prof. Dr. Gaby Reinhard
Tätigkeitsbeschreibung: Methoden der Sozialen Arbeit, Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, Geschäftsführung Institut für Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISAB e.V.)
Weitere Informationen: https://sozialraumorientierung.de/

Inwieweit hängt Sozialraumorientierung mit dem Ansatz einer integrierten Planung zusammen? Und welche Rolle spielen Quartiermanagement und integrierte Stadtteilentwicklung in diesem Rahmen?
Das sind komplexe Zusammenhänge, auf die Sie mit diesen beiden Fragen Ihren Fokus lenken. Gleichzeitig weisen diese Fragen auf eine aus meiner Sicht zentrale „Dreifaltigkeit“ kommunaler Strategien zur Verbesserung von Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und sozialem Frieden hin: Die Sozialraumorientierung als fach­liche Ausrichtung der Arbeit, die integrierte Stadtteilentwicklung als politischer Ansatz und Quartiermanagement als Organisations- und Steuerungsansatz.

Integrierte Stadt(teil)entwicklung ist aus meiner Perspektive keine zusätzliche administrative Planungs- und Steuerungsebene, sondern ein idealerweise verstetigtes Bemühen, quer über verschiedene administrative Ressorts hinweg die ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung in einzelnen Stadtteilen in einem gesamtkommunalen Zusammenhang strategisch zu steuern. Das seit 1999 aufgelegte Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ hat in vielen Gebietskörperschaften diese inte­grierten Planungsprozesse initiiert. Und Quartiermanagement ist in diesem Zusammenhang ein strategischer Ansatz zum systematischen Aufbau von selbsttragenden und nachhaltig wirksamen Entwicklungsstrukturen im Quartier. Am besten klappt es dann, wenn im Rahmen einer ressortübergreifenden und gesamtstädtischen Strategie die kommunalen Ressourcen gebündelt werden. Quartiermanagement kann nicht von dem oder der Quartiermanager/-in realisiert werden, sondern stellt einen komplexen Prozess dar, der unterschiedliche Steuerungs- und Handlungsstrategien, Vorgehensweisen und Methoden beinhaltet. Die gesellschaftlichen Sphären des politisch-administrativen Systems werden systematisch verknüpft mit dem Sozialraum und dem intermediären Bereich und zwar im Idealfall durch das Zu­sammenwirken von Akteuren an drei unterschiedlichen Aktionsorten: eine Gebietsbeauftragung in der kommunalen Verwaltung, eine Stadtteilmoderation im intermediären Bereich und die klassische Gemeinwesenarbeit im Quartier. Meines Erachtens müssen wir uns von den projektbezogenen und zeitlich befristeten Modellprojekten oder Förderprogrammen verabschieden und in eine dauerhafte, personengestützte Infrastruktur vor Ort investieren.

Kennen Sie besonders gelungene Beispiele für Sozialraumorientierung in Deutschland – und was kann man von diesen Beispielen lernen?
Das Fachkonzept Sozialraumorientierung wird seit über 20 Jahren in unterschiedlichen Gebietskörperschaften und Organisationen im deutschsprachigen Raum realisiert – in Niedersachsen sind dies zum Beispiel Hannover, Hildesheim oder Osnabrück. In der Jugend- und Eingliederungshilfe gibt es langjährige und gut beforschte Erfahrungen aus Graz, dem Landkreis Nordfriesland oder der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, die deutlich machen: Es funktioniert. Und wir können beobachten und nachweisen, dass die Partizipation der Betroffenen gefördert wird, die Unterstützungsleistungen zunehmend von den Betroffenen auch gewollt und alltagsorientiert sind. Hinzu kommt eine erhöhte Selbstwirksamkeit bei den Leistungsberechtigten auch durch das Einbinden von persönlichen Netzwerken und Ressourcen. Die derzeitige Leistungsversäulung mit einer Fall­finanzierung, die Träger dafür belohnt, dass sie Fälle produzieren oder im System halten, wird abgelöst durch ein Finanzierungskonzept, welches lebensweltorientierte, passgenaue Unterstützungssettings sowie innovative Kooperationsformen zwischen dem öffentlichen Träger als Auftraggeber und den Leistungsanbietern ermöglicht.

Sie sind Mitglied des Kuratoriums der Anneliese-Brost-Stiftung, die benachteiligte Kinder und Jugendliche fördert. Inwieweit kann eine Zusammenarbeit zwischen Stiftungen und Kommunen im Rahmen einer Bildungslandschaft zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen?
Zurzeit schauen wir auf eine Förderlandschaft, in der häufig einzelne, möglichst öffentlichkeitswirksame Projekte gefördert werden. Dies geschieht mitunter in einem Stadtteil oder an einem Schulstandort, ohne dass die zumeist engagierten Menschen und Träger voneinander wissen. Es gibt Konkurrenzen ebenso wie Kreativität, Misstrauen ebenso wie ausgezeichnete Zusammenarbeit. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, wenn es gelänge, im kommunalen Raum Themenfelder zu identifizieren, die einer langfristigen und konzeptionellen Strategie und damit verbundener Förderung bedürfen. Dann könnte es gelingen, auch im Verbund mit mehreren Stiftungen gemeinsame Interessengebiete zu definieren und bestehende Förderungspotenziale miteinander abzustimmen. Für die Verstetigung von örtlichen Entwicklungspro­zessen, die oftmals nicht zu den Pflichtleistungen der Kommune gehören wie Quartiermanagement oder die Koordination von lokalspezifischen Bildungs- und Präventionsketten, kommunalen Bildungslandschaften und vielem mehr, wäre meiner Meinung nach schon viel erreicht, wenn über eine Regelfinanzierung langfristige ­Kooperationsvereinbarungen mit lokalen Trägern abgeschlossen werden könnten. Erst eine Kooperationsbeziehung schafft die Voraussetzung dafür, dass sich die ­Partner/-innen auf gleicher Augenhöhe begegnen und kon­fligierende Interessen, die es zwangläufig gibt und weiterhin geben wird, miteinander diskutieren. Dabei muss immer wieder neu um Lösungen, Strategien und Aufgaben gerungen werden. Dies erfordert von den Partnerinnen und Partnern Klarheit in der Sache, eine respektvolle Haltung, eine kooperative Streitkultur und die Bereitschaft eigene Standpunkte infrage zu stellen, um gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln. Hier sehe ich neben den Bildungs- und Präventionsketten auch Themen wie die altersgerechte oder inklusive Quartierentwicklung. Ich würde mich sehr freuen, wenn in diese Richtung neue Kooperationsmodelle zwischen Kommunen und Stiftungen entwickelt würden.

Frau Professorin Reinhard, wir bedanken uns sehr herzlich für das Gespräch.

Autorin: Prof. Dr. Gaby Reinhard, Fliedner Fachhochschule Düsseldorf und Institut für Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISAB e.V.)