Newsletter Transferkompakt September 2018
Thema: Zur Bedeutung non-formaler Lernsettings und informellen Lernens.

Seit Längerem nimmt der Diskurs zum Wandel des traditionellen Verständnisses von Lernen und Bildung und der zugehörigen Institutionen und Prozesse an Fahrt auf. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auch auf aktuelle Megatrends wie die Digitalisierung und gesellschaftliche Transformationsprozesse im Rahmen der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) zurückzuführen. Auch im Zuge notwendiger Integrationsleistungen von Bildungsakteuren und Gesellschaft im Kontext von Migration und Segregation erscheint eine gesteigerte Beachtung informeller Lernprozesse und -orte als sinnvoll.

Der Stellenwert non-formaler Lernsettings und informeller Lernprozesse für die individuelle (Weiter-)Entwicklung von Bürgerinnen und Bürgern ist seit Jahrzehnten bekannt und belegt. So wird dem informellen Lernen nach der Faure-Kommission der UNESCO ein Anteil von etwa 60 bis 70 Prozent an allen menschlichen Lernprozessen zugeschrieben (Faure, E. (1972): Learning to Be. The World of Education Today and Tomorrow. Paris; zitiert nach Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, S. 129). In Deutschland wurden die Begriffe zunächst vor allem in den Bereichen der beruflichen Bildung und der Weiterbildung genauer betrachtet, obwohl sie grundsätzlich alle Phasen des Lebenslaufes betreffen (Overwien 2011, S. 1). Vor diesem Hintergrund wurde auch das Landesprogramm der Bildungsregionen initiiert, das sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, eine „Vernetzung der Akteure einer Region im Bereich der formalen, non-formalen und informellen Bildung“ (Niedersächsisches Kultusministerium) zu bewirken.

Handlungsfeld für Kommunen

Kommunen sind bereits in vielfältiger Weise in Teilbereichen des informellen Lernens aktiv. Eine zielorientierte und abgestimmte Gestaltung der „freieren“ non-formalen Lernsettings mit den klassischen formalen Institutionen gestaltet sich in der Praxis jedoch als herausfordernd - unter anderem, weil diese ein Bildungsverständnis voraussetzt, welches über den traditionellen Ansatz der kommunalen Pflichtaufgaben hinausgeht. Ein solches am lebenslangen Lernen orientiertes und ganzheitliches Bildungsverständnis, wie es auch dem kommunalen Bildungsmanagement zugrundeliegt, erfordert sowohl intern als auch extern eine Vielzahl an Kooperationen und erzeugt dementsprechenden Aufwand für die beteiligten Akteure. Dass der Nutzen den Aufwand häufig übersteigt, möchten wir mit diesem Übersichtsartikel zeigen, in dem eine erste Einordnung der Relevanz des informellen Lernens für die kommunale Bildungslandschaft anhand bildungsbiografischer Phasen erfolgt.

Formal, non-formal oder informell?

So vielfältig die Informationen, so vielfältig sind auch die Verwendungen der drei Begrifflichkeiten. Wir legen im Folgenden die Definitionen zugrunde, wie sie im Glossar des Bildungsberichtes 2018 (BMBF 2018, S. VII-VIII) zu finden sind:

  • Formale Bildung findet in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen statt und führt zu anerkannten Abschlüssen.
  • Non-formale Bildung findet außerhalb staatlicher oder staatlich anerkannter Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen für die allgemeine, berufliche oder akademische Bildung statt und führt nicht zum Erwerb eines anerkannten Abschlusses.
  • Informelles Lernen wird als nichtdidaktisch organisiertes Lernen in alltäglichen Lebenszusammenhängen begriffen, das von den Lernenden nicht immer als Erweiterung ihres Wissens und ihrer Kompetenzen wahrgenommen wird.

Was das im Übertrag auf konkrete Lebens- und Lernsituationen bedeutet, veranschaulicht die folgende Übersicht über Bildungssettings und -prozesse, denn trotz dieser theoretisch klaren Abgrenzung verschwimmen die Grenzen in der Praxis oftmals:

Abbildung 1: Bildungssettings und Prozesse (Quelle: eigene Darstellung nach BMFSFJ 2005, S. 97)

Frühkindliche Bildung: kompensatorische Effekte durch gezielte Förderung

Bildungsprozesse beginnen schon während der Schwangerschaft an einem der zentralsten non-formalen Lernsettings, der Familie (BMFSFJ 2017, S. 8). So zeigen sich deutliche Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und individuellen Bildungschancen (Maaz 2017, S. 5), die nahelegen, dass gezielte Förderung einen kompensatorischen Effekt erzielen kann, der durch formale Bildungsinstitutionen allein nicht erreicht wird (Maaz 2017, S. 9). Kommunen können mittels einer (kleinräumigen) integrierten Sozialplanung Bedarfe an Unterstützungsleistungen für den Lernort Familie abbilden, Handlungsfelder identifizieren und zielgruppenorientierte Angebote entwickeln.

Sämtliche Aspekte der frühen Hilfen, Kitaplanung und der zugehörigen Abstimmung mit den Gemeinden sind ebenfalls eng mit dem informellen Lernen verbunden. Eine gute Ausgestaltung all dieser ineinandergreifenden Systeme wirkt dem im Kinder- und Jugendbericht als „Kumulation von Ausschlüssen“ beschriebenen Effekt (BMFSFJ 2017, S. 194) entgegen. Die Bedeutung einer frühzeitigen Unterstützung und Gestaltung informeller Lernprozesse ist damit sowohl aus individueller Perspektive aufgrund der weitreichenden Bedeutung, als auch aus kommunaler Perspektive aufgrund der (sozial-)räumlichen Entwicklung bedeutsam. Über ein Monitoring können Zielgruppen bestimmt und direkt angesprochen werden. Neben der Identifizierung von Bedarfen und einer konkreten Bereitstellung von Angeboten gilt es die Fachkräfte in diesen Bereichen entsprechend zu professionalisieren und zu sensibilisieren.

> BMFSFJ: 15. Kinder- und Jugendbericht
> Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2018
> WiFF: Non-formales und informelles Lernen - unverzichtbare Elemente frühpädagogischer Professionalisierung

Abbildung 2: Zusammenhänge Informelles Lernen und Bildungsübergänge (eigene Darstellung nach Deutsche Telekom Stiftung 2014, S. 12)

Schule: Bildungsverläufe und Sozialkompetenzen stärken

Schule kann sehr gut als Beispiel herangezogen werden, um die fließenden Übergänge zwischen formalen und informellen Lernprozessen abzubilden (vgl. Abb. 1). So kann durch die räumliche Gestaltung und Ausstattung formaler Lernsettings positiver Einfluss auf eine lernfreundliche Atmosphäre und die Unterstützung spielerischer und kreativer informeller Lernprozesse genommen werden. Neben dieser Verbindung zu den kommunalen Pflichtaufgaben sind auch die erweiterten Betreuungsangebote der Ganztagsschule ein gelungenes Beispiel für die zunehmende Verschränkung der Lernsettings bzw. -prozesse. Diese Angebote zielen insbesondere auf die individuelle Unterstützung, sodass erneut auf den Aspekt Benachteiligungen ausgleichender Wirkungen informeller Lernprozesse verwiesen werden kann (BMBF 2005, S 3 ff.). Studien zur Wirkung der Ganztagsschulen zeigen beispielsweise leichte Effekte bezüglich der Stabilität von Bildungsverläufen und positive Wirkungen bezüglich der Sozialkompetenzen der Schüler/-innen, die Ganztagsangebote nutzen (StEG 2016, S. 39).

Am Beispiel von sozialen Kompetenzen lässt sich gut verdeutlichen, dass Kompetenzentwicklung nicht gleichermaßen formalisierbar ist: So sind Lernprozesse anhand von in der Praxis gemachten und direkt erlebten Erfahrungen, die oftmals in non-formalen Lernsettings verortet sind, deutlich tiefgreifender (Ruhr-Universität Bochum, Downloadcenter für inspirierte Lehre). Selbiges Prinzip gilt auch für kulturelle Kompetenzen oder ein generationenübergreifendes Verständnis, das beispielsweise mittels geeigneter Begegnungsstätten positiv beeinflusst werden und somit auch einen Effekt auf Tendenzen der Segregation der (kommunalen) Gesellschaft haben könnte.

> Niedersächsischer Bildungsserver: Übersicht über außerschulische Lernorte
> LWL: Pädagogische Landkarte - Außerschulische Lernorte in NRW

Aus- und Weiterbildung: Wandel von formalen Qualifikationen zur Kompetenzorientierung

Auch in diesem Kontext sind die Übergänge zwischen formalen und informellen Settings fließend. Betrachtet man beispielsweise Veränderungsprozesse im Rahmen des technologischen Wandels, die oft unter dem Schlagwort Digitalisierung subsumiert werden, so wird schnell deutlich, dass sowohl professionell als auch privat ein Kompetenzerwerb erfolgen muss, der in der Praxis oft auf informelle Lernprozesse zurückzuführen ist. Eine typische Institution im Kontext der Weiterbildung sind die Volkshochschulen, die häufig in kommunaler Trägerschaft sind, und ein sehr breites Spektrum sowohl formaler als auch informeller Bildungsangebote bereitstellen.

Bezüglich der Aus-und Weiterbildung wird auch von einer Entgrenzung des Bildungsbegriffes gesprochen, der sich in einem Wandel von formaler Qualifikation hin zu einer Kompetenzorientierung vollzieht (WIFF 2014, S. 9). Diesem Verständnis folgt unter anderem der Deutsche Qualifikationsrahmen, der die Bedeutung damit verbundener Lernprozesse in den vergangenen Revisionen sukzessive aufwertete (WIFF 2014, S. 33). Vor diesem Hintergrund ist eine stärkere Fokussierung auf informelle Lernprozesse auch dahingehend naheliegend, um die Passung von Erwerbstätigen und Unternehmen zu sichern, sodass das Zusammenspiel informeller und non-formaler Aus- und Weiterbildung bei gelungener Gestaltung zum Standortfaktor und möglichen Wettbewerbsvorteil werden kann.

> BiBB: Lebenslanges Lernen in Deutschland – Welche Lernformen nutzen die Erwerbstätigen
> Weiterbildungsverhalten in Deutschland 2016: Ergebnisse des Adult Education Survey (AES)
> Wie unterstützt man das informelle Lernen der Beschäftigten? Ein Leitfaden für die öffentliche Verwaltung

Nacherwerbsphase: Teilhabe an Gesellschaft sichern

Insbesondere vor den zukünftigen Entwicklungen in der Altersstruktur der Gesellschaft erfährt auch die Nacherwerbsphase einen erheblichen Bedeutungszuwachs im Bildungsdiskurs. Eben diese gesellschaftliche Gruppe wird von traditionellen Bildungsinstitutionen jedoch seltener adressiert als andere. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen: „Einerseits ist Bildung für die Selbstverwirklichung des Individuums, aber auch für die Wissensproduktion in Organisationen und letztlich für die Bewältigung des demografischen Wandels bedeutsam. Andererseits aber beteiligen sich nur wenige ältere Menschen an Weiterbildung.“ (DIE 2009, S. 2)

Vor diesem Hintergrund wird der Handlungsbedarf seitens der Kommunen deutlich. Die Lernfelder älterer Menschen betreffen neben Alltagsbewältigung und Umgang mit neuen Technologien auch Fragen der Sinnorientierung oder der Gesundheit(-sprävention). Entsprechend vielfältig sind auch die Lernorte, die unter anderem in Nebenjobs und Ehrenamt gefunden werden (DIE 2009, S. 67). Informelles Lernen kann helfen, Eigenverantwortung und Selbststeuerung bis ins hohe Alter aufrechtzuerhalten. Neben dieser individuellen Perspektive ist somit auch ein gesellschaftlicher Nutzen verbunden, in Form der gesellschaftlichen Teilhabe von älteren Menschen.

> Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff: Informelle Bildung - Der Alltag als Lernort (Vortragsreihe Geragogik, Bildung und Lernen im Prozess des Alterns)

Fazit

Mit einer integrierten Planung formaler, non-formaler und informeller Bildungs- und Lernprozesse geht eine Vielzahl erstrebenswerter Effekte einher, sowohl direkt für das Individuum als auch mittel- und langfristig auf einer übergeordneten Ebene, gesellschaftlich-integrativ ebenso wie ökonomisch. Für Kommunen kann es sich also lohnen, inhaltliche Ansatzpunkte im Blick zu behalten, übergreifende Kooperationen weiter zu fördern und die oft schon vorhandenen Einzelmaßnahmen noch stärker zusammenzuführen.