Newsletter Transferkompakt September 2020
Interview: Transfer leben - Landkreise Osterholz und Grafschaft Bentheim.

Gelingende Übergänge sind eine wichtige Voraussetzung für die angestrebte Fachkräftesicherung in Kommunen. Um eine passgenaue Beratung von Schüler/-innen am Übergang zu Ausbildung bzw. Studium durch die Jugendberufsagenturen (JBA) zu gewährleisten, nutzen die Landkreise Osterholz und Grafschaft Bentheim Daten aus dem Bildungsmonitoring und haben unter anderem eine Online-Bedarfserhebung entwickelt. Dabei haben sie sich das Leitmotiv der Transferinitiative „von Kommune für Kommune“ zu Herzen genommen und den über die Transferagentur Niedersachsen initiierten Kontakt im Rahmen eines Info-Inputs ausgebaut. Wir haben mit Stephan Orendi vom Landkreis Osterholz sowie Carl-Hendrik Staal und Jürgen Welling aus der Grafschaft Bentheim über die Mehrwerte einer solchen Zusammenarbeit gesprochen und einen Blick auf die Zukunft der kommunalen Bildungsberatung geworfen.

Herr Orendi, Herr Staal, Herr Welling: Wie ist die Idee zur Umfrage entstanden und wie kam es dann zur landkreisübergreifenden Zusammenarbeit?
Carl-Hendrik Staal (CS): 2017 habe ich von einer Schülerbefragung im Nachbarlandkreis Emsland gehört und hatte kurze Zeit später die Gelegenheit mehr über die Umsetzung zu erfahren. Ich fand die Idee einer Schülerbefragung interessant und zielführend, die JBA Grafschaft Bentheim endschied sich dann für eine digitale statt analoge Abfrage.
Stephan Orendi (SO): Der Erstkontakt zum Landkreis Grafschaft Bentheim wurde durch die Transferagentur Niedersachsen im Rahmen des Begleitprozesses hergestellt. Daraus hat sich schnell ein produktiver, kollegialer Austausch entwickelt. Das Umfrage-Tool hat mich sofort begeistert und ich habe die Kollegen aus der Grafschaft gefragt, ob sie uns bei der Einrichtung der Umfrage unterstützen würden – was dank der großen Hilfsbereitschaft der Kollegen dann auch so passiert ist.

Bitte beschreiben Sie den Ablauf der Erhebung und die Verwertung der Ergebnisse im Rahmen der Beratung.
CS:
Die Schülerinnen und Schüler der Abgangsklassen der allgemeinbildenden und Berufsbildenden Schulen im Landkreis Grafschaft Bentheim bekommen nach den Halbjahreszeugnissen einen anonymen Zugangscode, mit dem sie sich auf einer Website einloggen, um an der Abfrage teilzunehmen. Sie können nun, je nach Beratungsbedarf, verschiedene Optionen anwählen, und auch angeben, wenn sie bereits versorgt sind. Wer noch eine Beratung wünscht, kann seine Kontaktdaten freiwillig hinterlegen und diese zusammen mit dem Beratungswunsch an die JBA senden. Die Daten werden gesichtet und an den zuständigen SGB-Träger geleitet. Anschließend kommt es dann zu einer Kontaktaufnahme zum/zur Schüler/in durch die Berufsberatung oder den SGB II Träger.
SO: Den beschriebenen, grundsätzlichen Ablauf haben wir nicht verändert. Natürlich haben wir mit Blick auf die Bildungslandschaft im Landkreis Osterholz und die Beratungsangebote vor Ort einige Anpassungen vorgenommen: neben kleinen optischen Veränderungen wie z.B. dem Logo, waren das vor allem die von den Schüler*innen anzuklickenden Wahloptionen. Nach Abschluss der Umfrage wurden die Daten nach Beratungsanliegen sortiert und an die zuständigen Beratungspartner verteilt. Dazu zählen neben der Berufsberatung der Agentur für Arbeit auch JBA-spezifische Unterstützungsangebote des Bildungskontors des Landkreises wie das Jugendberufscoaching und die Bildungsbegleitung.

Welche Besonderheiten gab es durch Corona bei der Erhebung und darüber hinaus für die Beratung?
SO:
Als die zeitweise Schließung der Schulen im März 2020 angeordnet wurde, sah es für uns zunächst so aus, als ließe sich unser Plan, die Umfrage in diesem Jahr erstmalig durchzuführen, nicht realisieren. Unser erster Impuls war es das Ganze abzusagen. Dann aber haben wir verstanden, dass die Umfrage - in ihrer Form als Website – sogar sehr gut geeignet ist, da die Teilnahme auch von Zuhause erfolgen kann, solange die Schüler*innen nur wissen, was sie zu tun haben und ihren Zugangscode kennen. Mit diesem Ansatz sind wir auf die Schulen zugegangen und haben individuell vereinbart, wie die Teilnahme der Schüler*innen gelingen kann. Das hat funktioniert und die JBA-Partner konnten ihre Kontaktaufnahme zu den Schüler*innen noch vor den Ferien starten.  
Jürgen Welling (JW): Organisatorisch war auch bei uns alles vorbereitet. Im Gegensatz zu den Kollegen aus Osterholz haben wir uns allerdings dazu entschlossen, die Abfrage nicht durchzuführen, weil uns seitens der Schulen signalisiert wurde, dass dies zum angedachten Zeitpunkt eine zusätzliche Belastung dargestellt hätte. Aber wir planen natürlich einen neuen Durchgang für das kommende Jahr.

Welche Vorteile bietet das digitale Werkzeug für die Jugendlichen und für die Partner der Jugendberufsagentur?
JW:
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen das Angebot als Wertschätzung wahrnehmen, auch weil sie sich als Digital Natives damit sozusagen in ihrem natürlichen Habitat bewegen. Durch die Abfrage können sie sich mit ihrer beruflichen Zukunft auseinandersetzen. Wenn gewünscht erhalten sie kurzfristig eine individuelle Berufsberatung, außerdem entscheiden sie selbst ob und wann sie aus der Anonymität kommen möchten. Für uns im Landkreis fungiert die Abfrage als eine Art „Frühwarnsystem“, um zeitnah und zielgruppengerecht auf Veränderungen reagieren zu können. Ein weiterer Vorteil liegt in der Nachhaltigkeit des Instrumentes: Das Basiswissen, das auf Grundlage der Erhebung generiert wird, bleibt unabhängig von personellen Fluktuationen erhalten.

Zu den Personen

Name: Stephan Orendi (o.)
Tätigkeitsbeschreibung: Koordinator der Jugendberufsagentur (JBA)
Im Landkreis Osterholz seit: Nov. 2016 KOKO, seit Jan. 2018 als Koordinator der JBA

Name: Jürgen Welling (u.l.)
Tätigkeitsbeschreibung: Teamleiter Fallmanagement im Grafschafter Jobcenter (2005) und Koordinator der JBA (seit 2016)
Im Landkreis Grafschaft Bentheim seit: 2005

Name: Carl-Hendrik Staal (u.r.)
Tätigkeitsbeschreibung: Beschäftigt bei den Gewerblichen Berufsbildenden Schulen
Im Landkreis Grafschaft Bentheim seit: 2001


SO:
Durch die Daten kommen wir weg von einer gefühlten Entwicklung hin zu konkreten Anhaltspunkten. Sowohl für die Kommunalverwaltung mit ihren Beratungsangeboten als auch für uns als JBA und unsere Partner, d.h. die Agentur für Arbeit, das Jobcenter, bietet die Umfrage große Vorteile. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfahren auf sehr einfachem Wege, d.h. ohne hohen administrativen Aufwand, welche Schüler*innen noch Beratungsbedarf haben und können sie dann passgenau einladen und beraten. In diesem Sinne ist die Umfrage ein Steuerungsinstrument im Übergang Schule-Beruf zur Vorbereitung der späteren Beratungstätigkeit in der Jugendberufsagentur. Auch die Schulen profitieren von den Ergebnissen, da sie einen Überblick über den Versorgungsgrad ihrer Schüler*innen erhalten und auf dieser Basis Handlungsschwerpunkte für die Zukunft festlegen können. Und nicht zuletzt hat die Umfrage für uns als Jugenbberufsagentur auch einen internen Mehrwert: Als ein zentrales Steuerungselement trägt sie in ihrer jährlichen Routine zur Identitätsbildung der JBA Osterholz bei.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Beratungsarbeit und welcher Stellenwert kommt der Umfrage dabei zu?
JW:
Wir glauben es ist notwendig, gerade heute in der sich immer mehr digitalisierenden Welt, schnell und effizient mit den Belangen der Jugendlichen umzugehen. Insbesondere beim Übergang z.B. in eine Ausbildung oder bei einem Schulwechsel können wir mit dieser Onlineabfrage schnell, individuell und punktgenau reagieren. Solange es die Jugendlichen wünschen, können sie intensiv begleitet werden. Bestimmte Entwicklungen werden durch die Fortschreibung und Datenerhebung sichtbar und können durch bedarfsgerechte Maßnahmen und Angebote gesteuert werden. Außerdem ist die Umfrage ein Weg, um die JBA sichtbar zu machen und ihre Erfolge in die Breite zu tragen. Das führt dazu, dass die Akzeptanz der JBA in der Führungsetage deutlich gestiegen ist und so ein Mehrwert für alle Partner generiert wird.
SO:
Die Online-Umfrage ist ein Hilfsmittel zur Vorbereitung des Beratungsprozesses – was hier digitalisiert wird, ist die Kontaktaufnahme zur JBA. In welcher Form das anschließende Beratungsgespräch dann durchgeführt wird, ob per Telefon oder persönlich, ist dabei nicht festgelegt. In der Zukunft werden wir, so meine Vermutung, eigens für Beratung konzipierte Softwarelösungen sehen, die es uns erlauben werden, den kompletten Beratungsprozess online durchzuführen. Zur Klärung mancher Anliegen wird dennoch der zwischenmenschliche Kontakt, der Vertrauen schafft, essentiell bleiben.

Wenn Sie auf Ihre Zusammenarbeit blicken: Welchen Mehrwert sehen Sie in einem solchen Transfer und welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit dieser funktioniert?
SO:
Es ist immer hilfreich, über die Grenzen des eigenen Landkreises hinweg zu schauen und zu sehen „Wie machen es die anderen?“ - so wie es auch durch die Transferagentur Niedersachsen gefördert wird. Wenn man neue Ideen anstößt, muss man bei den Partnern Überzeugungsarbeit leisten und dabei kann es helfen, mithilfe eines neutralen Dritten Input zu erhalten. Darüber hinaus sehe ich den Transferprozess zwischen zwei Kommunen immer als ein Geben und Nehmen. Denn so wie die Grafschaft Bentheim uns bei der Programmierung der Umfrage unterstützen kann, können wir sie umgekehrt beispielsweise bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.
CS: Um zielgerichtet arbeiten zu können, sollte man sich Zeit nehmen und sich auch persönlich kennenlernen. Die Bereitschaft, gemeinsam etwas zu bewegen, muss da sein. Vor Ort ist es dann wichtig, alle Hierarchien mitzunehmen.

Herr Orendi, Herr Welling, Herr Staal, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das interessante Gespräch!